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Zu Gast bei Freund(en)
18. April 2007 von Rob in gesehen -hört -tan -dacht.
Im Blog vom von mir geschätzten Herrn sabbeljan liest man einen schmucken Gastbeitrag von mir – wer also fünf Minuten Zeit hat, kann diese auch hier lesend gestalten.
Vorsicht, Muskat.
oder auch: Wie das Wort „schmuck“ es immer wieder versucht.
Muskat, intravenös gegeben, ist tödlich. Der geneigte Leser und die noch geneigtere Leserin mag jetzt erstaunt ausrufen: “ist das nicht entsetzlich?!” Andere Zeitgenossen, der Selbstruhe verpflichtet, lehnen sich gar im Ohrensessel entspannt zurück und denken: Es hätte schlimmer kommen können. Der Großteil einer aufgeklärten Minderheit jedoch urteilt pragmatisch, dass Muskat bei ihnen im Ernstfall nur an die Kartoffel aber nie in die Vene kommt. Wenn Sie allerdings bis hierhin gelesen und nicht ins nächste Blog gesprungen sind, ist die erste Hürde bereits genommen.
Denn als ich eingeladen wurde, ein paar halbwegs geordnete Zeilen in Form zu bringen, die dem geschätzten Blog und dessen noch mehr geschätzten Eigner desselben im Ansatz gerecht werden zu können, meldeten sich sofort gute Geister, die mir rieten, man müsse, um die Fremdblog-Leserschaft gleich anfangs fesseln zu können unbedingt mit einem kühnen Satz beginnen. Die Muskaterkenntnis schien mir dafür geeignet und kühn genug zu sein und setzte sich klar gegen die Feststellung “jeder sechste Brite isst mindestens einmal täglich Senf” durch.
Noch nie habe ich einen Text in solch einer Geschwindigkeit geschrieben, denn mein klimaschonender Zug rast mit 210 Stundenkilometer und drei hyperaktiven, durch die Abteile tollenden Kindern durch die sonnige Republik, die mobile Brezelverkäuferin, die immer an irgendeiner Station motiviert einsteigt, wohlfeile Backwaren anbietet und meist unverrichteter Dinge wieder deprimiert aussteigt, habe ich bereits hinter mir gelassen – nur das Reiseziel liegt noch vor mir, nähert sich aber trotz diverser Signalstörungen, Baustellen und der Entführung des Bahnpersonals (letzter Verspätungsgrund ist vom Vater dieser Zeilen kreativ unbemerkt hinzugefügt worden) unaufhörlich.
Nun sitzt er also da, der feine Herr Rob, Bäume und Häuser fliegen an ihm vorbei, und dies, ohne dass sich aufgewühlte Windgeschwindigkeiten mit kyrillischem Vornamen daran beteiligen, und sucht nach einem Thema. Ja, ja, wenn man schon zu Gast ist und der obligatorische Strauß Blumen an dieser Stelle wohl nicht angebracht ist, muss man wenigstens ein schmuckes Thema haben.
Ach, jetzt hat sich das Wort „schmuck“ wieder vorgedrängelt, schubste das völlig von dieser unhöflichen Tat überraschte Wort „gutes“ zur Seite und steht jetzt ganz selbstverständlich im vorangegangenen Satz. Nicht umsonst sagt der Volksmund, man solle seine Worte erst sortieren und mit Bedacht einsetzen, damit sie einem später nicht im Weg stehen oder gar Unfug anstellen. So trifft man nicht selten Zeitgenossen, die mit ihren Worten nicht besonders gut umgehen können oder sich auch wenig um sie kümmern. Manch Ministerpräsident hat sich schon mit seinen Worten verschätzt, oder die selben unterschätzt und sich hinterher sehnlichst gewünscht, hätte er doch seine Sätze mit den dazugehörigen Worten lieber gemalt (oder malen lassen, denn er ist ja schließlich Ministerpräsident!), denn ein Bild sagt ja bekanntlich mehr als 1000 Worte.
Manchmal stiften Worte eben auch Verwirrung.
Bei mir in der Straße zum Beispiel ist kein Platz für einen Park – also kein Parkplatz; daher fahre ich mit meinem Rad und der Scheibe für den Park, der Parkscheibe am Haus des Parkes, dem Parkhaus, vorbei, um mich zu entspannen. Das ist doch grotesk, oder? Nicht die Sache mit der Entspannung, sondern die mit dem Park. Ob das schon Parkinsonsche Krankheit ist? Gestern hörte ich zudem ein Lied von Cornelia Froboes. Wie tönte es so schön aus dem Lautsprecher, der so heißt, obwohl Frau Froboes weder laut ist noch spricht, sondern singt. Also bitte, das ist doch grotesk! Sie singt ihr Lied: Park die Badehose ein – das habe ich jedenfalls verstanden. Sie muß immer wieder Park die Badehose ein singen. Und das in vielen Dezibel. Wenn jemand laut ist, misst man ihn ja in Dezibel. Dezibel, das ist Lateinisch. Die alten Lateiner aus dem alten Rom, das heute ja nicht viel jünger ist, als damals, haben extra viele lateinische Worte erfunden, damit man in der Schule ein neues Lehrfach hat. Nun gut, das Römische Reich ist gefallen – was aber auch kein Wunder ist bei sechs Fällen…
Worte können auch recht liebreizend sein, wenn man sie lässt. In Gedichten zum Beispiel. Dabei denkt der Verfasser weniger an die in Zeitnot aber während der Notdurft erdachten Zeilen, die an so vielen „stillen Orten“ anzutreffen sind, sondern an Rilke und seine werten Wortkumpanen. Dort wird zumeist auch ein „stilles Örtchen“ beschrieben, das jedoch eher den Feinsinn der Landschaft oder Liebschaft beschreibt und weniger den Geruchssinn. Auch wird man Wortkonstruktionen wie „Daniel is ne geile Sau“ kaum und wenn dann doch, dann umrankt von schmucken Worten vorfinden (tut mir leid, das Wort „schmuck“ hat sich wieder einmal vorgedrängelt). Und wenn Worte sich am Ende treffen und gar eine Ähnlichkeit miteinander haben und ganze Reimlexika füllen, dann werden sie als um so wichtiger erachtet. Stellte man sich vor der „Reitende Vater mit dem Kind durch Nacht und Wind“ reimte sich nicht, schon träfe man diese Worte weder an in Schulbüchern noch im prall gefüllten Anekdotenschatzes eines graumelierten, verdienten Burgschauspielers, der genüsslich in einer Talkshow mit Anspruch seine Zitaten-Flitzebogenpfeile auf die staunende Zuhörerschaft abschösse.
Manchmal werden Worte auch bestraft und bekommen einen Preis, der sie als das Unwort des Jahres auszeichnet. Das ganze Jahr fürchten sich die meisten Worte davor, dementsprechend gebrandmarkt zu werden. Natürlich, Worte wie „Nächstenliebe“, „Grundversorgung“ oder auch „Korruption“ brauchen da keine Angst zu haben, denn auf sie mag man einfach nicht verzichten. Andere Worte teilen ein grausameres Schicksal, denn sie sind bereits seit langem aus dem Sprachschatz (einen Schatz, den viele immer noch vergeblich suchen) gestrichen worden. So habe ich vor kurzem ein Gnadengesuch des Wortes „Rücksichtnahme“ erhalten, das flehentlich darum bat, wieder in die große Wortgemeinschaft aufgenommen zu werden. Führungskräfte der deutschen Wirtschaft sind bis zum heutigen Tag jedoch dagegen und entgegnen, das Wort würde sich nicht mit den von ihnen so geschätzten Worten „Abfindung“, „Steuerbetrug“ und „Ich“ vertragen. Darüber ist natürlich wiederum das sich selbst neutral empfindende Wort „Ich“ betrübt, zählte es doch in vergangenen Zeiten zum Lieblingswort aller.
Manche Worte gehen auch verloren oder sehen sich außerstande, geordnete Sätze bilden zu können. Diese Sprachlosigkeit macht sich immer mehr in unseren Breiten breit. Dabei meine ich nicht die naive Sprachlosigkeit, die nach dem ersten Kuss eintritt, wenn das flirrende Herz dem Mund sanft Einhalt gebietet oder die verwunderte Sprachlosigkeit angesichts einer Überraschung, die unvermutet an unserer Lebenspforte anklopft. Nein, ich meine eher die Sprachlosigkeit, unterstützt von desinteressierten Ohren, gelangweilten Augen, tatenlosen Händen und lahmen Beinen, die dem Wort doch so sehr zu Hilfe eilen könnten.
So fährt der feine Herr Rob durch die sonnige Republik, hoffend, das eine oder andere schmucke (na,na,na!) Wort fand ein geneigtes Ohr und ein waches Auge…
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sabbeljan #
18. April 2007, 09:02
es war mir wirklich ein vergnügen und eine ehre! meine leserschaft hat offenbar auch so empfunden.
Zoekdw #
6. Juni 2007, 00:08
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